25.01.12 Wie ich schreiben lernte
Meine Erinnerungen an meine Grundschulzeit verblassen mit zunehmenden Alter. Dies ist wahrscheinlich eine kluge Einrichtung, so muss ich mich irgendwann nicht mehr an viel aus dieser Zeit erinnern und habe das Gefühl sie überwunden zu haben.
An diesem Wochenende jedoch, habe ich mich sehr genau daran erinnert, wie ich damals schreiben lernen musste. Wie meine damalige Grundschullehrerin der 1. und 2. Klasse dies gemacht hat und auch welche Gefühle mich dabei heute nicht in Ruhe lassen.
Es began, wie es wohl beginnen musste, mit dem lernen der Buchstaben und Zeichen, immer wieder musste ich diese Aufmalen. Ich sehe vor mir mein Schulheft seitenweise mit dem Buchstaben A beschrieben oder Zeilen mit abwechselt die Buchstaben J und I. Wichtig schien nicht nur, dass die Bögen der lateinischen Ausgangsschrift richtig, sondern auch, dass sie schön waren.
Der nächste Schritt war für mich der aus meiner heutigen Sicht fatale. Wörter schreiben lernen, Silbentrennung lernen. Das heißt, weniger lernen als pauken stand auf dem Programm. Regelmäßig erhielt wir als Hausaufgabe einen A4-Bogen mit einer langen Liste von zusammenhanglosen Wörtern. Diese sollten wir dann einmal selbst aufschreiben und einmal in Silben getrennt. Was wir sonst mit diesen Wörtern gemacht haben, weiß ich nicht mehr. Einzig und allein diese stupide Arbeit ist mir im Gedächtnis geblieben.
Zweite Maßnahme zum erlernen des Schreibens, waren tägliche Diktate. Ich, der nur sehr langsam schrieb hatte große Schwierigkeiten zu folgen. Zudem war meine Rechtschreibung noch schlechter als heute. Die Entscheidung wie etwas oder ob es groß oder klein geschrieben werden sollte, brauchte bei mir zu viel Zeit. So machte ich bei diesen Diktaten viele Fehler, zu viele Fehler in den Augen meiner Lehrerin. Heute weiß, dass sie mir dafür regelmäßig eine schlechte Bewertung ins Klassenbuch eingetragen hat und auch wenig Hoffnung sah, dass ich es überhaupt noch einmal lernen werde.
Heute denke über Spätfolgen dieses Lernens nach. Darüber, dass ich große Probleme habe, Gedanken und Gefühle zu Papier bzw. auf die Tastatur zu bringen. Dass der eigentlich kreative Akt des Schreibens mir wie eine große Last vorkommt und ich mich regelmäßig überwinden muss. Dass ich bei Klausuren, wo ich unter Druck und schnell schreiben muss und versage, während ich bei mündlichen Klausuren gut abgeschnitten habe. All das ist für mich eine frustrierende Feststellung. Wie sehr sich ein Erlebnis in der Kindheit, welches nun über 20 Jahre zurückliegt im Laufe der Zeit verfestigt zu haben scheint.
Heute stelle ich mir die Frage, wie ich es überwinden kann. Wie bekomme ich es hin, dass ich diese Blockade, die mich davon abhält etwas zu schreiben, überwunden? Während ich dies hier schreibe, habe ich viele gute Ideen, viele inhaltliche Punkte, die ich hier gerne niedergeschrieben hätte. Es gebe vielmehr über dieses Thema, was ich eigentlich unbedingt loswerden wollte und immer noch will. Doch es hat den Weg vom Kopf in die Tastatur nicht geschafft. Irgendwo in der Mitte blieben sie stecken. Und ich kann sie danach nicht mehr wieder finden. Es geht hier nicht, um eine Formulierung, die scheinen viele zu vergessen, wenn sie beginnen einen Text zu schreiben Es geht, um einen inhaltlichen Punkt, um etwas, was ausdrücken wollte aber nicht konnte. So fühlen sich viele Texte von mir unvollständig an. Auch weil ich weiß, dass ich hätte mehr schreiben können.
08.11.11 Vom nicht lesen wollen
In regelmäßigen, manchmal auch unregelmäßigen, Abständen wird jemand dabei erwischt, wie er seine wirklichen Ansichten über bestimmte Gruppen äußert. Sei es, dass es antisemitische Sprüche sind oder rassistische Ansichten. Natürlich sind ihm diese nur versehentlich rausgerutscht und er hat in Wirklichkeit nichts gegen die angesprochene Gruppe und überhaupt, seine besten Freunde würde ja zu dieser Gruppe gehören und daher wäre er völlig unschuldig. Ja, dies kommt einem sehr bekannt vor, alles schon einmal gehört, alles schon einmal gesehen. Wobei es auch mehrmals gewesen sein muss.
Doch frage ich mich immer, ob so etwas überhaupt stimmen kann. Selten passiert ein solcher „Patzer“ in einer freien Rede. Meist sind es, lange im voraus, geschriebene Reden oder (vor)geschriebene Kommentare. Wie kann es hier zu solchen Bemerkungen kommen, wenn sie nicht beabsichtigt gewesen sind? Wie?
Nein, ich muss davon ausgehen, dass solche Bemerkungen oder Kommentare so gemeint sind, wie sie vorgetragen werden. Jemand hat sie geschrieben, jemand hat sich darüber Gedanken gemacht, was er aussagen, was er an den Hörer oder Leser bringen wollte. Und wenn jemand antisemitische oder rassistische Bilder oder Aussagen in seinen Texten benutzt und diese weder danach als solche bezeichnet noch negiert, sondern sie als seine Überzeugung übernimmt, dann muss ich davon ausgehen, dass dies seine Überzeugen sind.
Oft spricht der Erwischte nach dem er ertappt wurde von der sog. „Antisemitismuskeule“. Doch was meint er damit eigentlich? Sie wollen damit meiner Meinung nach vor allem eines ausdrücken, auf Antisemitismus bei Ihnen hinzuweisen ist schlimmer als der Antisemitismus selbst und man würde sie verfolgen und natürlich ihnen die Meinungfreiheit beschneiden. An dieser Reaktion ist eines beruhigend, man merkt ihnen an, dass es ihnen peinlich ist und genau das muss es sein. Solange es für jemanden peinlich ist, des Antisemitismus beschuldigt zu werden, solange man sich herausreden muss, solange es gesellschaftlich nicht akzeptiert wird, eine solche Meinung zu äußern, befinden wir uns noch auf der richtigen Seite. Wir sind also noch nicht an der Klippe und schon gar im Fall.
Leider trifft dies nicht auf alle rassistische Äußerungen zu, vielfach bleiben sie ohne Widerspruche und werden gesellschaftlich akzeptiert. Sei es die vielen antigriechischen Schlagzeilen der „Bild“ in den letzten Monaten oder islamophoben Sprüche, die mittlerweile aus allen politischen Richtungen kommen und mir große Sorgen bereiten. Es ist richtig, dass es nicht dasselbe ist, wenn zwei das Gleiche tun, doch sollten es die gleichen Folgen haben. Ich will keinen Rassismus, Antisemitismus oder Islamophobie im öffentlich-rechtlichen Radio oder im Parlament hören und nein, dass ist kein Anschlag auf die Meinungsfreiheit. Die sichert nur die Freiheit seine Meinung zu äußern, sie sichert aber niemanden dafür Redezeit im Parlament oder Radio. Es ist notwendig, auf den Rassimus, auf den Antisemitismus und die Islamophobie von öffentlichen Personen hinzuweisen und sie dazu zu bringen von der öffentlichen Bühne zu verschwinden. Der Gesellschaft, wird so gezeigt, dass solche Überzeugungen hier keinen Platz haben, kein Podium und kein Forum.
Ich habe daher wenig Mitleid mit denjenigen, die deshalb zurücktreten, deshalb ihre Sendung verlieren und deshalb die öffentliche Bühne verlassen müssen.
24.05.11 Angst vor Ablehnung
Es ist wohl meine größte Angst, wohl die Angst die mir am meisten Probleme macht. Aber gleichzeitig sich so widersprüchlich gibt, dass ich manchmal wahnsinnig werde. Es ist meine Angst abgelehnt zu werden.
Zum einen ist sie da, dann wenn ich etwas bestimmtes möchte oder will, wenn ich gezielt Kontakt aufnehmen will, wenn ich mit einer mit vertrauten Person reden will. Diese unbestimmte Gefühl, diese Person fühlt sich von mir belästigt oder gestört und das was ich zu sagen habe ich langweilig, dämlich oder gar falsch. Dann verkrampfe ich innerlich und lasse die Kontaktaufnahme lieber sein. Es spielt dabei übrigens keine Rolle, ob diese Kommunikation schriftlich, mündlich oder persönlich stattfindet. Ja, es muss nicht einmal Kommunikation sein.
Zum anderen ist da der spontane Kontakt, der Kontakt der weder gezielt noch gewollt ist. Er findet einfach statt. Meist kenne ich die Person gar nicht und meist ist es ein oberflächiger Kontakt. Ich treffe jemanden im Zug, am Bahnhof oder sonst wo. Das Thema ist auch unwichtig. Aber es ist für mich eine angenehme Erfahrung. Ich muss mich in solchen Situationen nicht verstellen oder verstecken, sondern kann mich zeigen wie ich bin. Von Angst nicht akzeptiert oder abgelehnt zu werden ist keine Spur.
Für mich ist das nicht nur verwirrend und widersprüchlich, sondern auch noch unbegreiflich. Es ergibt für mich einfach keinen Sinn.
30.01.11 Meine Erfahrungen mit der Frauenquote
In der Karrierebibel von Jochen May habe ich mich zu einer Diskussion um die Frauenquote für Führungskräfte hinreißen lassen.
Die Diskussion dreht sich für mich seit 15 und viele andere seit wahrscheinlich über 20 Jahren um mehr oder weniger die gleichen Punkte. Für die Gegner der Quote ist sie eine Form der Diskriminierung, weil dann Männer ausgeschlossen würden, weil sie Männer sind. Es würde zu mehr Mittelmaß in Unternehmen kommen, weil angeblich Qualifikation und persönliche Eignung nicht mehr die einzigen Kriterien seien und es sei populistisch eine Quote zu fordern, weil sich das Problem durch die demografische Entwicklung verlagern würde. Letzteres Argument von May ist mir jedoch unverständlich geblieben. Meist kommt als drittes Argument, dass durchsetzungsfähige Frauen keine Quote brauchen würden oder dass Frauen an einer solchen Arbeit kein interesse hätten. Wie man aus meiner Zusammenfassung dieser einzelnen Argumente sicherlich lesen kann, stimme ich mit ihnen nicht überein.
Meine Erfahrungen mit der Quote sind nicht immer positiv gewesen. Ich wurde mindestens einmal nicht in ein Amt gewählt, weil ich eben ein Mann bin und die Quote sonst nicht erfüllt worden wäre. Aber ich habe auch begriffen wie fragil das Gebilde sein kann, welches eine Quote erzeugt. So waren bei der Bezirkskonferenz des Juso-Bezirks Hannover, auf der die harte Quote von 50 % und sämtliche Konsequenzen für nicht-quotierte Delegationen abgeschafft wurden, noch weit über 50 % der Delegierten Frauen. Nur ein Jahr später wurde nicht einmal mehr die weiche Quote von 40 % erfüllt. Es bestand nicht mehr die Notwendigkeit für die Unterbezirke Frauen für die Mitarbeit auf der Bezirkskonferenz zu gewinnen. Die Quote war notwendig, damit die Gliederungen überhaupt darüber nachgedacht haben, Frauen für die Arbeit in der Organisation und den Gremien zu begeistern. Aber es war zu diesem Zeitpunkt noch nicht Konsens, dies auch ohne Zwang zu tun. Es wurde noch als ein Übel angesehen, über welches man sich jedes Jahr aufs neue aufregen und diskutieren musste, bis es dann gekippt wurde. So stellt sich die weitere Diskussion über die Quote für mich als ein Indikator dar, dass die Quote weiterhin notwendig ist.
Mir ist klar, dass ich auch in Zukunft an der Quote scheitern kann. Mir ist jedoch genauso klar, dass heute viele hochqualifizierte Frauen an der Karriere scheitern, weil es eben keine Quote gibt. Sie bekommen nicht einmal die Chance, sich in einer bestimmten Position zu beweisen. Für sie ist die so genannte “gläserne Decke” eine bittere Realität.
30.12.10 Mein Jahr 2010
Für mich hatte das Jahr 2010 keine Höhen und Tiefen. Es war für mich eine Wanderung durch ein tiefes, finsteres Tal. Und nein, dass ist keine Anspielung auf irgend einen Psalm. Denn dort war ja noch Gott an der Seite und spendete Trost. Bei mir schien alles verloren zu sein. Keine Motivation wollte in mir aufkommen, kein Wille all die Ideen, die sich in meinem Kopf versammelten zu sortieren und umzusetzen. Stattdessen eine Lethargie von ungeahnten Ausmaßen.
Dabei hat es durch aus schönes in diesem Jahr gegeben. Durch Twitter habe ich wohl mehr verschiedene Menschen 2010 kennengelernt als ich es mir je vorstellen konnte. Ich erinnere mich dabei gern an die IMMFv4-Ausstellung im Februar oder die Jour-Fitz-Lesungen in Hamburg und Kiel. Ich erinnere mich an die vielen schönen Meme, wie den Blumenkübel oder die Einbuchstabedanebentiere. Und ich erinnere mich an die Bücher, wie z.B. Die Leinwand, Und im Zweifel für dich selbst oder Cairo, die in diesem Jahr entdeckt und gelesen habe.
Und so muss ich feststellen, dass ich gar nicht allein durchs finstere Tal gegangen bin. Viele waren da und haben mich begleitet und getröstet, meist wussten sie es gar nicht. So war ich dieses Jahr gar nicht allein.
Und so ich doch nicht nur negativ auf das 2010 gucken kann, hoffe ich auf ein gute und gar besseres 2011. Ein Jahr in dem ich endlich meinen Weg einen schritt weiter gehen kann.